Sonntag, 3. März 2013

Kultur, Sport, Technik - Betriebsamkeit in Japan

Das Schloss von Kakegawa im Hintergrund...
Ein frischer Frühlingshauch weht heute durch Hamamatsu und erleichtert mir den Einstieg in einen doch sehr groß gewachsenen Berg an überfälligen Erzählungen und Bildern die sich seit meinem letzten Eintrag an dieser Stelle angesammelt haben. Wie so oft ergeben die guten Vorsätze, welche diese Aufzeichnungen anspornten in ihrer geballten Masse nach einem Monat ein Hindernis, dass sich nicht so leicht überspringen lässt. Beginnen möchte ich gern mit einem kleinen Ausflug nach Kakegawa, welchen ich in der ersten Februarwoche mit dem
Brasilianer Rodrigo unternahm.
Natürlich verkleiden sich Japaner auch gern und stellen Kämpfe nach.
Wir hatten vor das gute Winterwetter für einen sonntäglichen Spaziergang zu nutzen und machten uns daher auf, dass bekannte Ninja-Schloss zu besuchen und auch die dort befindliche Ausstellung japanischer Umzugs-Trophäen zu besichtigen. Der Tag war kühl doch die Sammlungsstücke darunter wunderschöne Kimonos und Masken (wie oben zu sehen) entschädigten ungemein. Bereits am darauf folgenden Wochenende sollte es mit der einheimischen Kultur weitergehen. Ich hatte mich mit Caro nach Nagoja begeben und... was schaut man sich dort an? Natürlich auch das Schloss.
Durch die Vielzahl an japanischen Schlössern muss ich zugeben inzwischen etwas gelangweilt einherzuschlendern wenn es mal wieder zu einem der unzähligen Verteidigungs- oder Prunkpaläste geht.
Die ebenfalls am Wetter gefallen findenden Japaner sind da wesentlich abgehärteter als ich. An dieser Stelle trifft das wohl bekannte Vorurteil völlig zu: Japaner sind die geborenen Touristen.
 Nach der Kulturportion gab dafür dann eine Erholungspause im nahen Park, bevor wir durch eine, für japanische Verhältnisse sehr angenehm gestaltete Fußgängerzone, zum modernen Zentrum der Stadt wanderten. Nagoya kann man leider nicht unbedingt zu den absoluten touristischen Höhepunkten des Landes zählen. Weder was die traditionelle noch die moderne Kultur angeht gibt es hier Einzigartigkeiten die deutlich über das japanische Standardmaß hinausgehen. Man könnte wohl sagen, dass die Stadt noch ein wenig futuristischere Gebäude und Komplexe aufweisen kann als die meisten Stadtteile Tokyos, hat damit aber auch schon fast alles Wichtige erwähnt.
Nur ein weiterer Fakt sollte auf jeden Fall noch genannt werden: Nagoya ist liegt ganz nah an der kleinen aber durch ihren Namen bereits weltweit bekannten Stadt Toyota, in welcher Herr Toyoda (ja, Er wurde tatsächlich mit D geschrieben) den Grundstein für das global agierende Fahrzeugunternehmen legte und in welcher auch heute noch jeder Einwohner in irgendeiner Weise mit dieser Firma verbunden ist.
Nachdem ein Nachmittag für den Besuch der wichtigsten Stellen der Innenstadt und eines Buchladens deutlich ausgereicht hatte, machten wir uns am nächsten Tag zum Hafen auf um dort weitere Eindrücke zu sammeln. Was soll ich sagen?
Ein Hafen ist ein Hafen, ist ein Hafen... Es gab einen historischen Eisbrecher zu sehen und ein Aquarium, die aber so wenig mit Nagoya zusammenhängen dass ich mir Bilder an dieser Stelle erübrige und die Zeilen nutze um zu berichten das Caro und ich einige Kilometer zu Fuß zurücklegten und munter über Plagiatsaffären, wissenschaftliches Schreiben und ähnliches diskutierten (spätestens jetzt ist auch das Datum des Ausflugs völlig klar) und nachdachten bis wir dann den nächsten Buchladen gefunden hatten. Nun, der nächste Schritt liegt nahe: Caro schmökerte und ich guckte mir die Sammlung gebrauchter japanischer DVDs an.
Der Hafen von Nagoja (und zwei Menschen)
Soweit so gut könnte man sich denken, doch nachdem wir den Laden verlassen hatten folgte ein absolutes Highlight. Damit meine ich nicht die anschließende S-Bahn-Fahrt sondern unser nächstes Ziel. Die Eisenbahnausstellung der japanischen Eisenbahngesellschaften. Dort gab es so viele interessante und schöne Lokomotiven, Waggons, Modelle und Signalanlagen zu sehen, dass ich es übers Herz bringen musste Caro, die zunächst noch tapfer versuchte Interesse zu zeigen auf einer Bank mit ihren (wahrscheinlich wohlweislich besorgten Büchern) allein zu lassen, um mit aller Ruhe und größtem Enthusiasmus der Technik zu frönen.
Dem interessierten Leser zeige ich auf Nachfrage gern meine Schnappschüsse dieses Festes der Sinne. Hier nur ein paar ausgewählte Schmuckstücke. Beispielsweise eine Baureihe 0 (rechts im Bild) und davor der Nachfolger die Baureihe 100, welche mit 220km/h 1964 schon schneller fuhren als so mancher ICE derzeit. Natürlich wurden neben diesen Arbeitstieren auch Raritäten gezeigt wie beispielsweise der JR-Maglev MLX01. Eine Magnetschwebebahn. Sozusagen das Pendant zum deutschen Transrapid, welchen der Maglev jedoch mit 80 km/h schnelleren 581 km/h ziemlich alt aussehen lässt.
Die Studie rechts im Bild kam übrigens nie zum Einsatz im Personenverkehr, sondern wurde sozusagen nur fürs den Test und das Museum gebaut.
Und wo ich gerade über Geschwindigkeiten schwafele bin ich auch schon beim nächsten Ausflug, der sich nur 2 Tage später anschloss.
Lange habe ich dass hier schon angekündigt und ebenso lange habe ich mich auch selbst drauf gefreut. Es ging in den Tsugaike kohgen-Nationalpark, welcher der ganzen Welt wohl eher als das Austragungsort der olympischen Winterspiele von 1998 bekannt ist. Auf der Fahrt dorthin machten wir nocheinmal Halt in Matsumoto, wo ich einen guten Monat früher bereits mit Caro war.
Seitdem hatte es nochmal deutlich Neuschnee gegeben und im Schloss wars noch ein bisschen kälter geworden als schon beim letzten mal.
Am nächsten Tag gab es dann am Vormittag eine Einführung ins Ski-fahren. Der Skilehrer mit dem ich mich sehr schnell sehr gut verstand, sagte mir aber schon nach 3 Stunden, dass ich die Lerngeschwindigkeit der Gruppe nicht weiter erdulden müsse. Die beiden Inder und vor allen der Indonesier hatten doch deutliche Probleme sich auf dem Ski zu halten. Und ja, ich meine zunächst nur einen...Es wurde mir deshalb frei gestellt die Beginner-Routen selbstständig zu erkunden und das Bremsen und Wenden sozusagen durch ausprobieren zu erlernen. Und schon nach kurzer Zeit probierte ich mich dann auch an schwierigeren Strecken.
Die Landschaft war zusätzlich zur neuen sportliche Erfahrung ein absoluter Hochgenuss. Am nächsten Morgen nutze ich dann die 4 freien Stunden um den Ein-einhalb Tagespass, den sich ein Chinese gekauft hatte, der aber schon nach den ersten beiden Stunden am ersten Tag keine Lust/Kraft mehr hatte, einzulösen und begab mich nochmals auf die Piste. Das Wetter war leider über Nacht umgeschlagen und auch meine Entscheidung "Ich fahre einfach die 21 Minuten mit der Seilbahn hoch und dann den ganzen Berg..." war nicht sehr weise. Die folgenden 30 Minuten in Gedankenschnippseln und in aller Kürze:
Och guck 2600m, is ja doch höher als gedacht... Aber wenn die Japaner das können... Auf gehts... Mann is das steil... Angst! ... schwierig... puuhh... eieiei... AH. Glück gehabt... juhu. bin unten. Pah... war ja easy.
Von der Seilbahn aus hatte man einen wunderbaren Blick über die japanischen Alpen (die heißen wirklich so)
- unten kann man auch die Anfänger-Piste sehen
Zurück in Hamamatsu hatte mir Yuta, ein Japaner der versucht Deutsch zu lernen und den ich über Rodrigo kenne, vorgeschlagen eine Brauerei zu besichtigen. Das ganze sollte kostenlos sein und an einem Werktag stattfinden. Er wollte gern einen Termin für die Brauerei des (meiner Meinung nach) genießbarsten japanischen Bieres (Sapporo) reservieren. Leider musste er mich am nächsten Tag anrufen und mir mitteilen dass Sapporo keine Gratis-Führungen mehr anbot. Um das ganze aber nicht ausfallen zu lassen bat ich ihn doch zu versuchen einen Termin bei Yamaha zu reservieren. Und tatsächlich dass war kein Problem, sondern zwei Tage später gings schon los.
Die große Grand-Piano (Flügel-) Fabrik befindet sich in Kakegawa. Nachdem Yuta angekündigt hatte mit einem deutschen Freund zu kommen, wurde dort extra für mich sogar die deutsche Flagge gehisst und schon konnte die Führung starten. Leider ist es nicht erlaubt den schwierigen Herstellungsprozess zu fotografieren. Ich kann einen Besuch aber auf jeden Fall empfehlen. Nicht nur dass man kostenlos einen Einblick in dieses komplizierte Handwerk bekommt, bei welchem die Menschen täglich tausende Töne korrekt einstellen müssen und jeden Flügel exakt an die Besonderheiten des Holzes einrichten aus dem er hergestellt wird, nein auch die Abläufe in einer japanischen Fabrik zu sehen in der mehr als 300 Menschen arbeiten war sehr interessant.
Beispielweise hängt dort über jedem Arbeitsplatz eine Uhr, welche die Zeit angibt bis zu welcher man fertig sein muss um den Ablauf nicht zu gefährden. Die automatische Baugruppenlogistik wurde durch autonome Transportroboter erledigt, welche jeweils mit eigenen Signalmelodien im Gebäude unterwegs waren. Neben dem HIntergrund-Klimpern, welches durch das Einstellen der Klaviatur sowieso im Gebäude vorherrschte, fuhren also auch kleine Autos ohne Fahrer umher, die wahlweise "Morgen kommt der Weihnachtsmann" "Muss i denn muss i denn" oder "Weiße Rosen aus Athen" im 8 Bit Sound wiedergaben.
Eine besonders große Freude machte mir die wirklich sehr aufwändig gestaltete Präsentationsfläche auf der man nicht nur die Wirkungsweise sondern auch die Herstellungsverfahren, das Stimmen und die Geschichte nachvollziehen konnte. Außerdem gab es die Möglichkeit an vier völlig gleich gebauten Flügeln, bedeutet am selben Tag mit selber Form und gleichem Material gefertigt, die Unterschiede im Klang zu testen, die sich durch die einzigartige Faserung jedes Holzstücks ergeben. Alles in allem ein sehr gelungener Ausflug. Ich werde mich wohl in diesem Monat bei Yuta revanchieren, indem ich mit ihm ein deutsches Gericht koche.
Das Essen war zusätzlich ein Ehrenessen für Inami-sensei 
und Ono-sensei (rechts und links im Bild)



die zum Prof. ernannt wurden.








Und damit bin ich auch schon beim nächsten Ereignis. Zwei Tage später verteidigten die jüngeren Forscher unseres Labors ihre Bachelorarbeiten.
Für mich bedeutete dies, dass ich im Sinne der Höflichkeit, ebenso wie die gesamte Laborgruppe, 7 Stunden in einem Hörsaal verbrachte, indem alle 15 Minuten ein anderer Japaner auf Japanisch einen Vortrag über seine Arbeit hielt, dem ich natürlich nicht im Mindesten folgen konnte und (um peinliches Schweigen im Saal zu vermeiden) auch nicht in Englisch nachfragen konnte.
Als Belohnung für die, soweit ich dass an den Bildern beurteilen kann sehr guten Forschungsleistungen und für mich als Belohnung dafür dass ich in den 7 Stunden nicht vor Langeweile gestorben bin, gab es dann am Abend das obligatorische Festessen. Serviert wurde eine Mischung aus asiatischer und italienischer Kost.
Und natürlich gab es zum Abschluss wie immer ein Gruppenfoto.
Den Abend setzten die Eingefleischten dann im Labor fort, die Bilder sind aber in die Rubrik "nicht fürs Internet" einzustufen.
mit Yuta im Elektroshop in Akihabara
Am letzten Wochenende hatte Yuta frei und wir überlegten uns mal einen gemeinsamen Auslug zu machen, der sich über zwei Tage erstreckt. Zunächst war geplant zum Fuji zu fahren, aber da ich dort schon in der nächsten Woche bin, überredete ich Yuta mit mir Tokyo zu besuchen und gleichzeitig Caro zu treffen. Wir fuhren also am Freitag los und schauten uns zunächst Akihabara an. Dieser Stadtteil in der Nähe der Tokyo-Station ist bekannt für Manga (Comics), verschiedenste Elektroartikel und eine besonders hohe Ansammlung leicht verschrobener Menschen, die ihr Leben gern mit Computerspielen und anderen Unterhaltungsformaten definieren ( genannt: Nerds)
Akihabara
In Akihabara werden sozusagen die Kindheits-/ oder Erwachsenenträume dieser Nerds Wahrheit und Realität (wenn das Realität ist.?) Überall sieht man übergroße Werbetransparente und Reklamen.
japanisches "Schulmädchen"
Eine Spezialität sind sogenannte "Maid-Kaffees" in denen Japanerinnen in grellen Schulmädchenuniformen als Bedienung arbeiten und in denen man für ein überhöhtes Entgelt die Zeit sozusagen im Comic verleben kann. Yuta war das Ganze als "ordentlichem Japaner" sichtlich peinlich, ich konnte ihn aber nach einigen Anstrengungen doch dazu bewegen mich in ein solches Kaffee zu begleiten. Um wilden Anchfragen gleich vorzubeugen: Ein solches Kaffee ist, zumindest im Normalfall, zwar etwas abgedreht was die Einrichtung, die Preise und vor allem das Verhalten der Bedienung angeht, hat aber nichts mit Erotik oder ähnlichem zu tun. Ich muss jedoch auch zugeben dass, bei dem vielen Geklingel, Gebimmel, Geblinke und Gefunkel dort drinnen, mir der einmalige Besuch ausgereicht hat. Das fällt wohl unter die Kategorie "Muss man mal gemacht haben, reicht dann aber auch.".
auf dem Weg nach Yokohama
Nach einem sehr schönen Abendessen in Ueno mit zwei Freuden Yutas, welche er aus Neuseeland kannte und einer mehr oder weniger unbequemen Nacht in einem Backpacker-Hostel, in dem tatsächlich mal mehr Europäer als Asiaten unterwegs waren, trafen wir uns am nächsten Morgen mit Caro um auf den Skytree zu fahren. Aber dieser Turm scheint wohl eine unerreichbare Stelle zu sein, denn auch beim zweiten Anlauf seit meiner Ankunft war es widerum nicht möglich den Lift zu benutzen. Dieses mal übrigens wegen des zu starken Windes.
Der Wind bließ an diesem Wochenende tatsächlich sehr stark. Das ist aber kein schlechtes sondern ein sehr gutes Zeichen. Dieser besondere und in Japan berühmte Wind, der uns da um die Ohren pfiff hat den Namen "haruichiban", was so viel bedeutet wie "erster Wind des Frühlings".
In Japan beginnt der Frühling für gewöhnlich mit einem starken Wind aus Süden. Und tatsächlich: In den letzten Tagen sprangen die Temperaturen langsam aber kontinuierlich nach oben und am Wochenende werden 17°C erwartet.
Wieder einmal enttäuscht vom Skytree fuhren wir drei gemeinsam nach Yokohama, der zweitgrößten japanischen Stadt, die direkt an Tokyo angrenzt und den wichtigsten japanischen Hafen hat. Dort besichtigten wir einen Ozeanliner, der nach dem zweiten Weltkrieg auch als Versorgungschiff gedient hatte
 und machten einen Ausflug ins Chinatown.
Das ist schon irgendwie ein eigenartiger Gedanke, dass es in Japan ein Chinatown gibt. Aber die japanische und die chinesische Kultur unterscheidet viel. Und man mag es kaum glauben aber auch die Japaner haben natürlich ein gewisses Image und ein paar Vorurteile den Chinesen gegenüber. Ein schöner Tag neigte sich dem Ende und Yuta und ich machten uns mit der Bummelbahn auf den Weg zurück.
Im kommenden Monat habe ich vor den Fuji zu besuchen, eine Erholungsreise nach Okinawa zu machen und natürlich stehen die berühmten Hanamis (Kirschblüten gucken) an. Bis bald.

Mittwoch, 30. Januar 2013

Im Japanischen Gymnasium, Geburtstagsparty und manches mehr...


Nachdem mein letzter Blog so in die Länge gegangen war muss ich zu Anfang dieser Aufzeichnung sofort vorrausschieben, dass sie nicht minder umfangreich ist, was aber auf die vielen Ereignisse und Erlebnisse zurückzuführen ist, die ich nicht alle aussparen oder nur anreißen möchte. Ich hoffe dennoch in einer ansprechenden  und kurzweiligen Weise die wichtigsten Begebenheiten unterbringen zu können ohne die Fülle über zu strapazieren.

Nach einem Besuch in Matsumoto, einer kleineren Stadt im Kernland der japanischen Hauptinsel, welcher zu Beginn des Jahres stattgefunden hat und welcher sehr ruhig und entspannen verlief, habe ich mich in der zweiten Woche des Jahres mit dem Bummelzug nach Tokio aufgemacht.
Und mal wieder war es möglich einen wunderschönen Blick auf den Fuji zu erhaschen, welchen ich nicht vorenthalten will.

In Tokio angekommen hatte ich mich mit Caro im quirligen und immer recht anstrengenden Stadtteil Shibuya verabredet um ein Restaurant zu besuchen in dem man eine meiner japanischen Lieblingsspeisen selbst zubereiten kann: Okonimiyaki (herzhafte Kartoffelpuffer, deren Teig man mit Salat und wahlweise verschiedensten Fisch und Meersbewohnerteilen versetzt und welcher mit einer süß-salzigen Soße und Majonäse serviert wird.) Kurz nach dem Besuch in diesem Restaurant stießen wir dann aber über eine besondere Kuriosität, welche mir noch weitaus einzigartiger erschien als die vorherige: ein Doppel-Bigmac... 
Obwohl wir beide überaus zufrieden und gesättigt waren, vermochten wir es nicht an dieser Möglichkeit völlig teilnahmslos vorüber zu schlendern, weshalb es mir einige schnelle Entscheidungen später möglich war die Seltenheit im Bild festzuhalten.
Den Abend ließen wir dann in einem Pub bei englischem Fußball und im Hotel ausklingen, von welchem aus man nicht nur einen guten Blick auf das große Stadtzentrum von Shinjuku hatte (einem der verschiedenen Hauptzentren Tokios) sondern, in welches Caro auch unter unbeschreiblichem Einsatz die köstlichsten europäischen Spezialitäten verbracht hatte. Ich kann mich dafür nicht genug bedanken und möchte es daher auch an dieser Stelle noch einmal explizit erwähnen.

Blick aus dem Hotel (irgendwie sieht Tokio auch überall gleich aus.... das könnte sicher auch in Shinagawa, Ueno oder Roppongi sein)

Am nächsten Morgen standen wir früh auf um mein Geburtstagsgeschenk in Angriff zu nehmen. Caro hatte mich, dem die Erfahrung einer solchen Attraktion bisher fehlte, in ein Disneyland eingeladen. Genauer gesagt verbrachten wir unseren Tag im DisneySea. Dieser Themenpark ist mit 4 Milliarden Euro Investitionssumme der teuerste bisher überhaupt errichtete unter den Themenparks  und heißt jedes Jahr ungefähr 12 Millionen Besucher willkommen. Das sind übrigens mehr Menschen als im Ruhrgebiet leben... Und es konnte teilweise der Eindruck entstehen, dass all diese Besucher sich tatsächlich denselben Tag ausgesucht hatten wie wir. Kurz: Wir waren nicht allein, wie das folgende Bild zeigt.
Ebenso erschrocken, wie ich über die Menschenmassen war, verblüffte mich gleichzeitig die routinierte und gutmütige Umgangsweise der Parkmitarbeiter und zeitweise verliefen sich die Scharen tatsächlich so gut, dass man die hübsch gestaltete und detailgetreue Motivwelt auch in relativer Privatsphäre erleben konnte. Fazit: Ein interessantes Erlebnis.



Gleichwohl gefiel mir auch die ruhige und übersichtliche Ausssichtswanderung am nächsten Tag, an welchem wir auf das kleine künstliche Eiland "Odaiba" fuhren, dass sich in der Bucht von Tokio als Vergnügungs- und Erholungsstätte seit Ende des 20. Jahrhunderts befindet. Wir hatten die Möglichkeit einmal ohne große Menschenmassen, sicher nicht allein, doch in keinen Vergleich zu setzen zur sonstigen Gesellschaft in japanischen Städten, am frühen Abend die Kulisse der Hochhäuser im Hafengebiet Tokios zu sehen. Die Insel wirbt mit einem "guten Blick auf Tokio", doch bei der Größe dieser Stadt ist dieser gute, oder wohl eher übersichtliche Blick, auf das Ballungsgebiet sogar aus hochfliegenden Flugzeugen schwierig. Diese Stadt ist in der Tat einfach so groß, dass man sie nicht sehen kann ohne einen hauptsächlichen Teil eben gerade nicht zu sehen. Dennoch ein sehr schönes und entspannendes Erlebnis, diesen pulsierenden Ballungsraum aus einer gewissen Distanz heraus beobachten zu können.



Der  nächste Abschnitt meiner Schilderungen hätte wohl einen eigenen Blog-Eintrag verdient, doch ich bitte mir nachzusehen, dass ich mich nicht so regelmäßig und noch weniger in aller Ausführlichkeit dem Schreiben eben dieses verpflichte.
Geplant war eine Rückreise mit dem kostengünstigen aber zeitaufwändigen Regionalzugsystem der japanischen Staatsbahn. Dies ist übrigens ein Unternehmen welches ich sehr hoch schätze! Im Normalfall ist die Pünktlichkeit nicht übertreffbar und ich komme mir teilweise vor wie in dem Film "Die Olsen Bande stellt die Weichen", wenn die ordnungsliebenden und pflichtbewussten JRail-Mitarbeiter in ihren steifen Anzügen, die eher an Ausgangskleidung der Armee erinnern als an die legere Kluft der deutschen Bahnangestellten, jede einzelne ihrer Taten mit einer großen Handbewegung und einem deutlichen Fingerzeig, welcher wohl der umliegenden Fahrgastschar sagen soll "Ja, das habe ich gerade getan" jede ihrer Handlungen nicht nur absolut Lehrbuchgerecht ausführen und protokollieren, sondern eben auch jedwede Normabweichung als Weltuntergang ansehen.

Und just eben dieser Weltuntergang schien sich am Vormittag meiner Rückfahrt mit dem abrupten Schneefall ergeben zu haben. Kurz nachdem Caro mich (10 Minuten vor der planmäßigen Abfahrt meines Zuges) in Richtung ihrer Stadtbahnlinie verabschiedet hatte und nachdem ich mich auf dem auch schon mächtig eingeschneiten Bahnsteig eingefunden hatte dröhnte auch schon die Durchsage mit einer Flut japanischer Begrüßungen, Ansagen, Formalien Höflichkeitsfloskeln, Daten, Entschuldigungen, weiteren Floskeln und letztendlich auch eines schrillen Pfeiftons. Der Inhalt dieser mit großen Geschwindigkeit hin gewischten Durchsage war wohl, wie ich mir denken konnte und nun auch mit relativer Sicherheit weiß, die Verspätung eines Zuges, der kurz vor dem Meinigen von eben diesem Bahnsteig abfahren sollte. Ziemlich entscheidungslos aber zunehmen frierend wegen meiner undichten Schuhe und der langsam durchsickernden Nässe, die sich im Schnee unter meinem Sohlen bildete patschte ich langsam zurück in Richtung der Anzeigetafel in der Haupthalle, welche sich offenbar in den letzten 4 Minuten zum Publikumsmagnet entwickelt hatte. Diese spontane Sogwirkung mag wohl damit zusammenhängen, dass sich die große Tafel in eine Art Weihnachsbaumshow entwickelt hatte auf der es vor lauter grüner Anzeigen, gelber Hinweise, blauer Änderungen und roter Ausfälle nur so zuckte und blinkte.
Relativ schnell war klar: Der Schneefall hat die JR härter getroffen als diese das erwartete und innerhalb kurzer Zeit waren von den 38 Bahnlinien (natürlich nur die Übertage fahrenden (private ausgenommen)) 27 gestoppt worden und weitere 7 mit zum Teil deftigen Verspätungen unterwegs. Mir blieb daher nichts anderes übrig als den Netzplan ausgiebig zu studieren (bzw. alle 3 Pläne: den von Zentraltokio, den der Hauptstadtregion und den der zentralen Provinzen, zu denen Shizuoka und Hamamatsu gehören) und mich sozusagen "auf Sicht" durchzuschlagen. Ich wanderte also die verschiedenen Bahnsteige des größten Bahnhofs der Welt ab und suchte nach Verbindungen die zurzeit noch bedient wurden oder auf denen zumindest in ungeordneter Folge Züge verkehrten. Und tatsächlich: Mit deutlich mehr umsteigen und viel Improvisation gelang es mir mich von Shinjuku über Shinagawa nach Yokohama durchzuschlagen, wo der Schneefall zumindest schon nicht mehr so stark war und mit einigem Stress und einer sehr eigenartigen Situation, während ich im Zug meine nassen Socken wechselte (was die Japaner wohl nicht so mochten), war ich dann 3 Stunden später als geplant, nach 8,5 Stunden im Zug in Hamamatsu angekommen, wo es im Übrigen nicht einmal geregnet hatte.
vor dem Haarschnitt

Aber sicher ist ja wohl auch, dass die merkwürdigsten und ungewöhnlichsten Begebenheiten die besten Geschichten ergeben und daher sehe ich inzwischen mit guter Stimmung auf dieses Abenteuer zurück. In den nächsten beiden Wochen passierte einiges, welches ich hier nur in aller Kürze erwähnen will. Beispielweise aß ich zum ersten Mal Peruanische Miesmuscheln und französische Weinbergschnecken.

Unterwasser Athmosphäre im Friseursalon

Mir ist wohl bewusst dass diese Art von Speise hier nicht her gehört, der Genuss ergab sich aber da Rodrigo die Muscheln persönlich zubereitete und die Schnecken im spanischen Pub zum Bier gereicht wurden.
Das nächste große Ereignis, welches sich mit den Bildern bereits ankündigt war mein erster Besuch beim japanischen Friseur. Ich hatte einige Vorbereitungen betrieben und mich über einen Lab-Kollegen (Fukuta-san) bei einem der beliebtesten Friseure vorangemeldet. Sein "Stammfriseur" war einer der besten in ganz Japan (laut Ranking die Nr.2 nach einem Laden in Tokio) und ich muss zugeben, dass diese Begebenheit doch tatsächlich absolut ungewöhnlich war.

im Wasch-/ Massageraum

Nach einer kurzen Wartezeit wurde ich (mit Fukuta-san, der mich begleitete und auch die Fotos aufnahm) in den Waschraum geführt, welcher sich in Form einer großen verdunkelten Rundung in der Mitte des Salons befand und in welchem große Flachbildschirme mit Unterwasserfilmen und Meeresrauschen im Hintergrund, das Wasser in den Haaren nicht nur fühlbar sondern auch hör- und sichtbar machten. Nach einer kleinen Aufforderung nahm ich in einem der drei großen, ledernen Massagesessel Platz und wurde mit fachkundigen Händen für den Nassschnitt vorbereitet. Dieser erste der beiden Schnitte wurde dann außerhalb der Massagedunkelkammer vom Chef persönlich durchgeführt. Währenddessen wurden die üblichen stereotypen Gespräche abgehalten die Japaner immer dann bemühen sobald sie herausgefunden haben, dass die (männliche) Person mit der man sich befasst aus Deutschland kommt und dass noch viel Redezeit zur Verfügung steht die mit relativ belanglosen Themen überbrückt werden muss. Wir sprachen also über Autos, Fußball, das Oktoberfest und den üppigen Biergenuss in Deutschland... 

Der Maestro an der Schere ließ sich auch nicht zweimal bitten mir mehrfach zu erklären das er einen Maserati fahre und dass ich ihn gern auch sehen könne...
Die Besichtigung folgte dann direkt auf das Haarschnittprozedere welches sich insgesamt über 2 Stunden ausnahm und weitere 4 Wäschen und auf besonderen Wunsch des Chefs, der mir sichtlich sehr wohlgesonnen war eine 30 Minütige Kopfmassage (von der Assistentin) auf Kosten des Hauses beinhaltete.
Es war ein wahres Fest!

... und nach dem Haarschnitt

Gut gelaunt und mit absolut tiefenentspannter Kopfhaut begleitete ich "Creativo", wie er sich selbst (auch auf seiner Visitenkarte) nennt zu seinem Auto und war absolut zufrieden mit dem Nachmittag, welcher auf jeden Fall zu einem der merkwürdigsten aber auch besten und wirklich genussvollsten Ereignisse, seit ich in Japan bin zählt.
Am nächsten Morgen wartete dann schon ein weiteres Highlight auf mich. Nach vielem Fragen und Bitten meiner Japanisch-Lehrerinn, welcher ich natürlich jedes Mal zusagte, die aber dennoch immer wieder fragte, macht ich mich gemeinsam mit Rangga-san (Indonesier), Sonja-san (Inderinn) und Mrs. Ryan (Amerikanerin) auf in die Shizuoka-University Hamamatsu Junior-Highschool um sozusagen das Anschauungsobjekt im Englischunterricht zu geben. 
Der Lehrer hatte die Klasse in vier Gruppen eingeteilt, welche sich auf die vier Themen der japanischen Küche, dem japanischen Schulalltag, Natur und Landschaft und dem täglichen Leben in Japan in Englischer Sprache und mit übergroßen Arbeitsblättern vorbereitet hatten und nun mit jeweils einem der Ausländer diskutieren sollten. Diskutieren ist dabei wohl etwas überzogen, da es sich mehr um ein -die Klasse fragt, der Ausländer antwortet Spiel- handelte. Es war dennoch äußerst interessant zu beobachten wie die einzelnen Klassenmitglieder untereinander agierten um, die japanische Etikette wahrend, möglichst würdevoll die Schüler zu umgehen die sichtbar Schwierigkeiten mit dem Sprachgebrauch hatten, ohne gleichzeitig ein Zwiegespräch oder eine kleinere Gruppe in der Gruppe zu Stande kommen zu lassen.


Außerdem ist zu bemerken dass die Japaner in den Europäern und vor allem in den Deutschen klare Vorbilder was Umweltschutz und Landschaftsgestaltung angeht und auch bezüglich der Ressourcenschonenden Energieerzeugung sehen. Das Kompliment konnte ich natürlich durch die deutlich energiesparenderen japanischen Fahrzeuge zurückgeben. Alles in allem: Eine tolle Sache sich so locker und ungezwungen mit den jungen Gymnasiasten unterhalten zu können und viel über die gegenseitigen Ansichten zu lernen.

Ein weiteres großes Ereigniss sollte an diesem Tag noch folgen. Obwohl mein Geburtstag schon zwei Wochen zurück lag war ich der Laborgruppe noch eine Feier schuldig, welche ich ebenfalls für den 25. Januar geplant hatte.  

Mein Vorgänger auf dieser Praktikantenstelle (Chris-san (beste Grüße)) hatte während seiner Zeit in Japan bereits mit einem "Deutschen Essen" hoch vorgelegt und den klassischen Weg für die Deutsche-Feier mit Kartoffelsalat und Würstchen damit verbaut.... Ich entschied mich daher Schichtsalate zu zubereiten, dazu Fleischspieße zu braten und deutsches Vollkornbrot anzubieten. Das große Problem was dabei entstand war zunächst die Beschaffung der entsprechenden Lebensmittel. Nachdem mir die Gewürze, wie gemahlener Koriander, Ceyenne-pfeffer und Kreuzkümmel schon recht schwer fielen schien die Beschaffung von Selleriesalat und Miracel-Whip ziemlich aussichtslos. 
Nach 2 Tagen der Suche in allen städtischen Märkten und Einkaufszentren hatte ich dann überraschender Weise doch noch die Möglichkeit Selleriesalat für astronomische Preise zu erstehen. Die Salatsauce musste ich dann jedoch kurzer Hand aus Joghurt, Majonäse, Gewürzen und Zucker improvisieren und sie gelang mir zu meiner Überraschung recht gut. 
Nach vielen Tagen der Vorbereitung und einem langen Nachmittag vor der einen Kochplatte die das Labor hatte konnte ich dann um 18:30 Uhr alle Kollegen/Freunde begrüßen und es wurde ein toller Abend. Besonders der Schichtsalat kam hervorragend an. Japaner mögen schließlich süße und salzige Dinge und waren absolut erstaunt darüber, dass es möglich ist einen Salat gleichzeitig aus Früchten und Gemüsen herzustellen.
Für Caro, die am folgenden Freitag nach Hamamatsu kommen wollte und welcher ich einen Anteil am Salat zugesichert hatte blieben daher von den drei Schüsseln, die meiner Meinung nach für 14 Leute, vor allem auch wegen der vielen anderen Speisen, völlig ausreichend sein sollten, nur ein paar spärliche Reste.
Natürlich wurde auch bei dieser Veranstaltung das obligatorische Gruppenfoto geschossen.
Als Geschenk hatten alle zusammengelegt und mir eine Torte gekauft (welche hier in Japan ein sehr üppiges Geschenk darstellt, da eine größere, mit Früchten (wie unten zu sehen) schon locker um die 40-50 Euro kosten kann.)
Ich habe mich umso mehr drüber gefreut und alle waren begierig mir beim Verzehr behilflich zu sein. 
Als freundlicher Gastgeber war mir das Aufteilen natürlich ein Ehre, nicht zuletzt auch weil ich sehr erleichtert darüber war dass der Abend so freudig zu Ende ging. Ich hatte mit meiner Speisen und Getränkeauswahl offensichtlich den richtigen Nerv getroffen.
Geburtstagstorte mit Widmung (oben mein Name in Katakana und darunter deutsche Glückwünsche)
Wie bereits erwähnt endete meine Woche mit einem Besuch von Caro. Mit ihr, Rodrigo und seiner Freundinn Angie (aus Peru) besuchte ich den Hamanako, den großen See von Hamamatsu und anschließend ein hübsches kleines Lokal mit dem Namen "Cats Dinner". Auch das Wochenende war sehr freudig und erholsam und ich habe nun sicher genug Kraft aufgetankt um mich in dieser Woche nocheinmal in die letzten Vorbereitungen für meine Japansich-Prüfung am nächsten Montag und in die nächsten Monate in Japan zu werfen.     Otsukaresamadesu.