Nach einem knappen Monat melde ich mich mal wieder ausführlich aus Hamamatsu. Wobei das "Ausführlich" nicht das wiederspiegelt was ich gerne erzählen können würde. Ich habe seit einigen Tage darüber nachgedacht wie ich die letzten Wochen hier zusammenfassen soll, bin aber auf keine schlüssige Möglichkeit gestoßen die all die Eindrücke ausführlich beschreiben würde.
Die Dinge die mich hier am meisten beeindrucken oder bewegen sind zwar auch die Beobachtungen und die Sehenswürdigkeiten, viel mehr jedoch die kleinen, scheinbar alltäglichen und nicht erklärbaren Begebenheiten. Die Art hier zu Leben und den Tagesrhythmus zu gestalten ist einfach sehr neu und interessant für mich. Dabei gibt es viele Anknüpfungpunkte zwischen der japanischen und der deutschen Kultur. Die Beobachtung von Wesens- und Charakterzügen ist für mich umso interessanter, desto mehr ich deutliche Unterschiede oder eben Parallelitäten erkenne.
Japaner schätzen Pünktlichkeit, Höflichkeit und Qualität in einem sehr hohen Maß. Ich hatte von mir früher nicht den Eindruck besonders pünktlich oder gar ordnungsliebend zu sein. Dennoch scheinen mich gerade diese Eigenschaften mit den Einheimischen zu verbinden.
Meine kleine Erzählung der letzten Wochen möchte ich gern am sonnigen 09. November (Freitag) beginnen, an welchem ich mit meiner Laborgruppe nachmittags die letzten Vorbereitungen für ein lange angekündigtes Fest traf. Das "Techno-Festa" (für Technologie-fest) ist das einmal im Jahr stattfindende Universitätsfest der Shizuoka-University. Es wird über zwei Wochenenden an den beiden Hauptstandorten "Shizuoka-Campus" und "Hamamatsu-Campus" gefeiert und mit einem unbeschreiblichen Aufwand von Seiten aller Studierender vorbereitet.
Unsere Labor-Gruppe hatte sich bereits einige Monate im Vorraus darauf geeinigt einen Hotdog-Stand aufzubauen. Diese Entscheidung bedeutete auch, dass wir zwei Wochen vorher damit begannen Soßen, Brötchen und Würstchen auszutesten -> denn was wäre Blamabler als ein schlechter Geschmack oder gar schlechte Qualität des Brötchens. An besagtem Freitag machten wir uns dann gemeinsam im kleinen japanischen Auto auf, um alle vorbestellten Utensilien einzukaufen.


Ebenso sonnig wie der Freitag wurde dann glücklicher Weise auch der Samstag. Neben zahlreichen Verköstigungsständen gab es auch eine Präsentation der aktuellen Forschungsschwerpunkte jeder Abteilung, zahlreiche Vorführungen (unter anderem Karate (siehe Bild)) und einige Maskottchen zu sehen. Und: Überraschung!... Es fehlte natürlich nicht an skurrilen Figuren. Eine recht normale unter Diesen ist wohl noch das Maskottchen der Hochschule, in dessen Kostüm übrigens ein hochdekorierter Professor steckt. Schon etwas gewöhnungsbedürftiger ist wohl der nette Zeitgenosse in der Mini-Mausverkleidung. Dieses Foto möchte ich dennoch nicht vorenthalten, weil ich (bin ganz stolz...) damit den Festival-Fotowettbewerb gewonnen habe. Mein üppiger Siegpreis war übrigens eine 30x40cm Pinnwand... meine Teilnahme also eher für die Lorbeeren. An meiner Seite übrigens zwei sehr nette Japaner die mir kurzer Hand das Festivalgelände erklärten.

Nach meinem Rundgang half ich dann eifrig beim Würstchenverkauf, welcher wohl auch durch mein "exotisches" Erscheinungbild aufblühte. Meine Gruppenkollegen nutzen die Möglichkeit jedem Näherkommenden ein Gratisfoto mit dem "Ausländer" anzubieten, wenn er einen Hotdog kauft... Im Sinne der Gruppe wurden dann in 2-3Stunden ca. 50 Fotos geschossen.
Neben den aktuell im Labor arbeitenden Leuten waren auch einige Ehemalige gekommen, welche mit uns nach dem offiziellen Ende des Festes noch in ein typisch japanisches Restaurant gingen um den Abend in gemütlicher Runde ausklingen zu lassen. Davon gibts aber leider keine Fotos, weil es mit Kamera schließlich nicht so gemütlich gewesen wäre. Dafür aber hier nocheinmal das ganze Hotdog-Team:
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| Die T-Shirts wurden übrigens extra einzeln angefertigt... |

Am Wochenende darauf machte ich mich dann mit meinem neuen Lieblingstransportmittel auf Richtung Osten. In Shizuoka war ein schönes Wochenende mit Caro geplant, welches sich jedoch, was die Sehenswürdigkeiten angeht, dem Wetter geschuldet auf Sonntag beschränkte. Dafür haben wir zumindest während es regnete schön japanisch gespeist (wie in Caros-Blog eingehend beschrieben
LINK). Am Sonntag stand dann dafür umso mehr auf dem Programm. Zunächst besuchten wir einen japanischen Garten. Diese kleinen Wunderwerke des Gartenbaus werden meist in 1-5 Jahren Vorbereitungszeit angelegt und sind nicht nur in der Güte des Rasens einem englischen Garten mehr als ebenbürtig.

Jeder Stein, jeder Strauch, jeder Busch und jeder Baum haben hier nicht nur einen eindeutig definierten Platz sondern auch eine entsprechende Form und Färbung. Es scheint sogar etwas eigenartig, dass die Japaner den Fischen keine Leine umgebunden und einen Schwimmkurs vorgegeben haben. Ob diese Form der Landschaftsgestaltung mit natürlicher Schönheit viel zu tun hat bleibt dahin gestellt,... eine Augenweide ist es jedoch alle mal. Das für mich eigentlich überraschende war, das dieses bis in den Zentimeter geplante Areal dennoch niemals langweilig oder vorhersehbar erschien sondern aus jedem Winkel neue Eindrücke und Ansichten präsentierte. Ein paar dieser Ansichten will ich nicht vorenthalten:



An der linken Bildhälfte ist die Terrasse eines kleinen Teehauses zu erkennen, in welchem wir auch einen Tee getrunken haben. Eine richtige Teezeremonie war dies nicht (die hätte wohl Stunden gedauert), dennoch waren die ersten 4 Minuten, bis eine japanische Familie mit Kleinkind Platz nahm sehr erholsam.
Immer wieder wenn ich das Gefühl habe nun einen kleinen Einblick in die Kultur und ein Verständnis für den Geschmack oder das Stilempfinden von Japanern bekommen zu haben reißt die ein oder andere alltägliche Situation dies wieder völlig ein. Beispielweise wäre der (extra freigehaltene) Ausblick auf ein Hochhaus in Deutschland wohl eher ein Nachteil des Gartens gewesen. Hier jedoch weist der freundliche englischsprachige Gartenführer im Kopfhörer extra darauf hin die Verbindung zwischen alten Traditionen und Moderne zu beachten.
Keine Überraschung mehr, dafür noch immer mit ihrer Größe und Anzahl beeindruckend: Japanische Kois.
Anschließend an die Gartenerkundung, fuhren Caro und ich mit dem Regionalbus auf einen kleinen Berg, ganz in der Nähe von Shizuoka. Von Kuno-Yama ist es bei gutem Wetter möglich den Fuji-yama, also den Fuji-Berg zu sehen. Zunächst hielt sich der Fuji jedoch hinter den Wolken versteckt. Die Sicht war dennoch sagenhaft. Im Vordergrund des nächsten Bildes ist übrigens eine typische Plantage für grünen Tee zu sehen, welche die Landschaft um Shizuoka prägen. Im Hintergrund liegt Shimizu und die Suruga-Bucht.


Das Wetter nach dem so feuchten Samstag war herrlich für einen Herbsttag. Mensch und Tier konnten sich sichtlich nichts schöneres wünschen.
Wir genossen also die Zeit ausgiebig und wurden über das Fehlen der Hauptattraktion durch einige andere schöne Ansichten entschädigt.
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| Oliver Kahn würde sagen: "Da is das Ding" |
Und das Warten hatte sich auch tatsächlich gelohnt, denn eine Stunde später war dann ein bisschen Sicht möglich, aus der ich versucht habe das fotografisch maximale herauszuholen.
Für
den Abstieg vom Berg wählten wir dann die Südseite auf welcher sich
auch ein (vor allem in Japan bekannter) Schrein befindet.
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| Kunōzan Tōshō-gū Schrein (Quelle: C.Heere) |

Interessant fand ich vor allem die kunstvollen Tür-Plastiken (Ich freue mich, wenn mir jemand sagt, wie das richtig heißt). Und auch meine hübsche Begleitung war sichtlich angetan. Der Schrein war auf einem kleinen Ausläufer des Berges errichtet worden und lag eingebettet in die unberührte Natur.

Anschließend nahmen wir dann den Abstieg über die große Haupttreppe des Schreins, die über 1160 Stufen bis zum Pazifischen Ozean führte. Dieser hatte hohen Wellengang und bot ein tolles Schauspiel an den Wellenbrechern. Als Größenvergleich bietet sich übrigens der LKW vorn im Bild an. Die schmale Ufergegend zwischen dem Bergmassiv und der Wasserlinie ist bekannt für ihre Erdbeerplantagen, welche von Januar bis Mitte Mai zum verweilen einladen. Dass zur Zeit keine Erbeersaison ist hielt die Japaner übrigens nicht zurück uns dennoch gefrieregetrocknete Früchte umhüllt von weißer Schokolade anzubieten...

(Und auch uns hielt das nicht zurück das Angebot anzunehmen und uns die eigenartige Süßigkeit schmecken zu lassen).
Nachdem wir bei einem schönen Sonnenuntergang am Strand langsam wieder Richtung Shizuoka geschlendert waren, besuchten wir dann das Universitätsfest in Shizuoka, welches wie beschrieben eine Woche nach dem in Hamamatsu stattfand... Womit ich wohl einer der Wenigen war, die auf beiden Festen der Uni waren.

Am letzten Freitag war in Japan ein großer Feiertag (vergleichbar mit dem deutschen Erntedankfest), weshalb die Uni geschlossen war.
Das bot die Möglichkeit am Donnerstag Abend etwas mit der Laborgruppe zu unternehmen. Kurzentschlossen kochten wir Takoyaki (bedeutet heißer Tintenfisch). Eine wirklich sehr leckere Angelegenheit. Ich muss zugeben, dass ich, nachdem ich den Inhalt des Einkaufskorbes begutachtet hatte (vorallem den Teil links unten) zunächst mit dem Gedanken gespielt hatte doch früh nach Hause zu gehen. Ich blieb jedoch und freute mich auch bereits beim ersten Bissen darüber. Denn: Glücklicher Weise schmeckt dieses Gericht ganz und garnicht so wie es aussieht... Ich werde wohl noch öfter in die Verlegenheit kommen Takoyaki bestellen zu können und werde das nun auch mit Begeisterung tun, denn es war wirklich sehr schmackhaft.

Das verlängerte Wochenende nutzte ich dann vorallem zum Ausspannen und die Seele baumeln lassen. Auf meiner Fahrradfahrt zum Strand stieß ich auf einen sehr eigenartigen Schiffsberg, der wohl nicht von Menschenhand so gebaut wurde.
Es ist sehr Ungewöhnlich welche große Rolle die Natur hier spielt. Alles scheint mächtiger und kraftvoller. Nicht nur dass in Japan durchschnittlich 4 mal soviel Wasser vom Himmel fällt, wie in Deutschland (es regnet aber nicht häufiger sondern einfach mehr...), auch der Wind ist sehr kräftig und unnachgiebig. Gleichzeitig passen sich sie Bewohner an. Die Menschen nutzen extrem hartnäckige Regenschirme und die Vögel sind mit einer sehr lauten und durchdringenden Stimme ausgestattet. Man kann von keinem Singen aus dem Bäumen sondern eher von einem lauten Gekreisch sprechen.
Ich bin mir noch nicht sicher ob ich in den nächsten Wochen so rasch wieder schreibe, weshalb ich hier schonmal ein ruhiges Weihnachtsfest wünsche. Das fehlt mir übrigens schon jetzt. Ich bin kein übermäßiger Weihnachtsträumer, doch die Japaner haben tatsächlich überhaupt keinen Sinn für Besinnlichkeit in den dunklen Tagen (oder ich habe ihn noch nicht entdeckt). Ich verabschiede mich mit einem Bild von einer Lichteraustellung, die ich gestern besuchte... ein kleiner ruhiger Fleck im großen Gewusel und Gewimmel.