Mittwoch, 30. Januar 2013

Im Japanischen Gymnasium, Geburtstagsparty und manches mehr...


Nachdem mein letzter Blog so in die Länge gegangen war muss ich zu Anfang dieser Aufzeichnung sofort vorrausschieben, dass sie nicht minder umfangreich ist, was aber auf die vielen Ereignisse und Erlebnisse zurückzuführen ist, die ich nicht alle aussparen oder nur anreißen möchte. Ich hoffe dennoch in einer ansprechenden  und kurzweiligen Weise die wichtigsten Begebenheiten unterbringen zu können ohne die Fülle über zu strapazieren.

Nach einem Besuch in Matsumoto, einer kleineren Stadt im Kernland der japanischen Hauptinsel, welcher zu Beginn des Jahres stattgefunden hat und welcher sehr ruhig und entspannen verlief, habe ich mich in der zweiten Woche des Jahres mit dem Bummelzug nach Tokio aufgemacht.
Und mal wieder war es möglich einen wunderschönen Blick auf den Fuji zu erhaschen, welchen ich nicht vorenthalten will.

In Tokio angekommen hatte ich mich mit Caro im quirligen und immer recht anstrengenden Stadtteil Shibuya verabredet um ein Restaurant zu besuchen in dem man eine meiner japanischen Lieblingsspeisen selbst zubereiten kann: Okonimiyaki (herzhafte Kartoffelpuffer, deren Teig man mit Salat und wahlweise verschiedensten Fisch und Meersbewohnerteilen versetzt und welcher mit einer süß-salzigen Soße und Majonäse serviert wird.) Kurz nach dem Besuch in diesem Restaurant stießen wir dann aber über eine besondere Kuriosität, welche mir noch weitaus einzigartiger erschien als die vorherige: ein Doppel-Bigmac... 
Obwohl wir beide überaus zufrieden und gesättigt waren, vermochten wir es nicht an dieser Möglichkeit völlig teilnahmslos vorüber zu schlendern, weshalb es mir einige schnelle Entscheidungen später möglich war die Seltenheit im Bild festzuhalten.
Den Abend ließen wir dann in einem Pub bei englischem Fußball und im Hotel ausklingen, von welchem aus man nicht nur einen guten Blick auf das große Stadtzentrum von Shinjuku hatte (einem der verschiedenen Hauptzentren Tokios) sondern, in welches Caro auch unter unbeschreiblichem Einsatz die köstlichsten europäischen Spezialitäten verbracht hatte. Ich kann mich dafür nicht genug bedanken und möchte es daher auch an dieser Stelle noch einmal explizit erwähnen.

Blick aus dem Hotel (irgendwie sieht Tokio auch überall gleich aus.... das könnte sicher auch in Shinagawa, Ueno oder Roppongi sein)

Am nächsten Morgen standen wir früh auf um mein Geburtstagsgeschenk in Angriff zu nehmen. Caro hatte mich, dem die Erfahrung einer solchen Attraktion bisher fehlte, in ein Disneyland eingeladen. Genauer gesagt verbrachten wir unseren Tag im DisneySea. Dieser Themenpark ist mit 4 Milliarden Euro Investitionssumme der teuerste bisher überhaupt errichtete unter den Themenparks  und heißt jedes Jahr ungefähr 12 Millionen Besucher willkommen. Das sind übrigens mehr Menschen als im Ruhrgebiet leben... Und es konnte teilweise der Eindruck entstehen, dass all diese Besucher sich tatsächlich denselben Tag ausgesucht hatten wie wir. Kurz: Wir waren nicht allein, wie das folgende Bild zeigt.
Ebenso erschrocken, wie ich über die Menschenmassen war, verblüffte mich gleichzeitig die routinierte und gutmütige Umgangsweise der Parkmitarbeiter und zeitweise verliefen sich die Scharen tatsächlich so gut, dass man die hübsch gestaltete und detailgetreue Motivwelt auch in relativer Privatsphäre erleben konnte. Fazit: Ein interessantes Erlebnis.



Gleichwohl gefiel mir auch die ruhige und übersichtliche Ausssichtswanderung am nächsten Tag, an welchem wir auf das kleine künstliche Eiland "Odaiba" fuhren, dass sich in der Bucht von Tokio als Vergnügungs- und Erholungsstätte seit Ende des 20. Jahrhunderts befindet. Wir hatten die Möglichkeit einmal ohne große Menschenmassen, sicher nicht allein, doch in keinen Vergleich zu setzen zur sonstigen Gesellschaft in japanischen Städten, am frühen Abend die Kulisse der Hochhäuser im Hafengebiet Tokios zu sehen. Die Insel wirbt mit einem "guten Blick auf Tokio", doch bei der Größe dieser Stadt ist dieser gute, oder wohl eher übersichtliche Blick, auf das Ballungsgebiet sogar aus hochfliegenden Flugzeugen schwierig. Diese Stadt ist in der Tat einfach so groß, dass man sie nicht sehen kann ohne einen hauptsächlichen Teil eben gerade nicht zu sehen. Dennoch ein sehr schönes und entspannendes Erlebnis, diesen pulsierenden Ballungsraum aus einer gewissen Distanz heraus beobachten zu können.



Der  nächste Abschnitt meiner Schilderungen hätte wohl einen eigenen Blog-Eintrag verdient, doch ich bitte mir nachzusehen, dass ich mich nicht so regelmäßig und noch weniger in aller Ausführlichkeit dem Schreiben eben dieses verpflichte.
Geplant war eine Rückreise mit dem kostengünstigen aber zeitaufwändigen Regionalzugsystem der japanischen Staatsbahn. Dies ist übrigens ein Unternehmen welches ich sehr hoch schätze! Im Normalfall ist die Pünktlichkeit nicht übertreffbar und ich komme mir teilweise vor wie in dem Film "Die Olsen Bande stellt die Weichen", wenn die ordnungsliebenden und pflichtbewussten JRail-Mitarbeiter in ihren steifen Anzügen, die eher an Ausgangskleidung der Armee erinnern als an die legere Kluft der deutschen Bahnangestellten, jede einzelne ihrer Taten mit einer großen Handbewegung und einem deutlichen Fingerzeig, welcher wohl der umliegenden Fahrgastschar sagen soll "Ja, das habe ich gerade getan" jede ihrer Handlungen nicht nur absolut Lehrbuchgerecht ausführen und protokollieren, sondern eben auch jedwede Normabweichung als Weltuntergang ansehen.

Und just eben dieser Weltuntergang schien sich am Vormittag meiner Rückfahrt mit dem abrupten Schneefall ergeben zu haben. Kurz nachdem Caro mich (10 Minuten vor der planmäßigen Abfahrt meines Zuges) in Richtung ihrer Stadtbahnlinie verabschiedet hatte und nachdem ich mich auf dem auch schon mächtig eingeschneiten Bahnsteig eingefunden hatte dröhnte auch schon die Durchsage mit einer Flut japanischer Begrüßungen, Ansagen, Formalien Höflichkeitsfloskeln, Daten, Entschuldigungen, weiteren Floskeln und letztendlich auch eines schrillen Pfeiftons. Der Inhalt dieser mit großen Geschwindigkeit hin gewischten Durchsage war wohl, wie ich mir denken konnte und nun auch mit relativer Sicherheit weiß, die Verspätung eines Zuges, der kurz vor dem Meinigen von eben diesem Bahnsteig abfahren sollte. Ziemlich entscheidungslos aber zunehmen frierend wegen meiner undichten Schuhe und der langsam durchsickernden Nässe, die sich im Schnee unter meinem Sohlen bildete patschte ich langsam zurück in Richtung der Anzeigetafel in der Haupthalle, welche sich offenbar in den letzten 4 Minuten zum Publikumsmagnet entwickelt hatte. Diese spontane Sogwirkung mag wohl damit zusammenhängen, dass sich die große Tafel in eine Art Weihnachsbaumshow entwickelt hatte auf der es vor lauter grüner Anzeigen, gelber Hinweise, blauer Änderungen und roter Ausfälle nur so zuckte und blinkte.
Relativ schnell war klar: Der Schneefall hat die JR härter getroffen als diese das erwartete und innerhalb kurzer Zeit waren von den 38 Bahnlinien (natürlich nur die Übertage fahrenden (private ausgenommen)) 27 gestoppt worden und weitere 7 mit zum Teil deftigen Verspätungen unterwegs. Mir blieb daher nichts anderes übrig als den Netzplan ausgiebig zu studieren (bzw. alle 3 Pläne: den von Zentraltokio, den der Hauptstadtregion und den der zentralen Provinzen, zu denen Shizuoka und Hamamatsu gehören) und mich sozusagen "auf Sicht" durchzuschlagen. Ich wanderte also die verschiedenen Bahnsteige des größten Bahnhofs der Welt ab und suchte nach Verbindungen die zurzeit noch bedient wurden oder auf denen zumindest in ungeordneter Folge Züge verkehrten. Und tatsächlich: Mit deutlich mehr umsteigen und viel Improvisation gelang es mir mich von Shinjuku über Shinagawa nach Yokohama durchzuschlagen, wo der Schneefall zumindest schon nicht mehr so stark war und mit einigem Stress und einer sehr eigenartigen Situation, während ich im Zug meine nassen Socken wechselte (was die Japaner wohl nicht so mochten), war ich dann 3 Stunden später als geplant, nach 8,5 Stunden im Zug in Hamamatsu angekommen, wo es im Übrigen nicht einmal geregnet hatte.
vor dem Haarschnitt

Aber sicher ist ja wohl auch, dass die merkwürdigsten und ungewöhnlichsten Begebenheiten die besten Geschichten ergeben und daher sehe ich inzwischen mit guter Stimmung auf dieses Abenteuer zurück. In den nächsten beiden Wochen passierte einiges, welches ich hier nur in aller Kürze erwähnen will. Beispielweise aß ich zum ersten Mal Peruanische Miesmuscheln und französische Weinbergschnecken.

Unterwasser Athmosphäre im Friseursalon

Mir ist wohl bewusst dass diese Art von Speise hier nicht her gehört, der Genuss ergab sich aber da Rodrigo die Muscheln persönlich zubereitete und die Schnecken im spanischen Pub zum Bier gereicht wurden.
Das nächste große Ereignis, welches sich mit den Bildern bereits ankündigt war mein erster Besuch beim japanischen Friseur. Ich hatte einige Vorbereitungen betrieben und mich über einen Lab-Kollegen (Fukuta-san) bei einem der beliebtesten Friseure vorangemeldet. Sein "Stammfriseur" war einer der besten in ganz Japan (laut Ranking die Nr.2 nach einem Laden in Tokio) und ich muss zugeben, dass diese Begebenheit doch tatsächlich absolut ungewöhnlich war.

im Wasch-/ Massageraum

Nach einer kurzen Wartezeit wurde ich (mit Fukuta-san, der mich begleitete und auch die Fotos aufnahm) in den Waschraum geführt, welcher sich in Form einer großen verdunkelten Rundung in der Mitte des Salons befand und in welchem große Flachbildschirme mit Unterwasserfilmen und Meeresrauschen im Hintergrund, das Wasser in den Haaren nicht nur fühlbar sondern auch hör- und sichtbar machten. Nach einer kleinen Aufforderung nahm ich in einem der drei großen, ledernen Massagesessel Platz und wurde mit fachkundigen Händen für den Nassschnitt vorbereitet. Dieser erste der beiden Schnitte wurde dann außerhalb der Massagedunkelkammer vom Chef persönlich durchgeführt. Währenddessen wurden die üblichen stereotypen Gespräche abgehalten die Japaner immer dann bemühen sobald sie herausgefunden haben, dass die (männliche) Person mit der man sich befasst aus Deutschland kommt und dass noch viel Redezeit zur Verfügung steht die mit relativ belanglosen Themen überbrückt werden muss. Wir sprachen also über Autos, Fußball, das Oktoberfest und den üppigen Biergenuss in Deutschland... 

Der Maestro an der Schere ließ sich auch nicht zweimal bitten mir mehrfach zu erklären das er einen Maserati fahre und dass ich ihn gern auch sehen könne...
Die Besichtigung folgte dann direkt auf das Haarschnittprozedere welches sich insgesamt über 2 Stunden ausnahm und weitere 4 Wäschen und auf besonderen Wunsch des Chefs, der mir sichtlich sehr wohlgesonnen war eine 30 Minütige Kopfmassage (von der Assistentin) auf Kosten des Hauses beinhaltete.
Es war ein wahres Fest!

... und nach dem Haarschnitt

Gut gelaunt und mit absolut tiefenentspannter Kopfhaut begleitete ich "Creativo", wie er sich selbst (auch auf seiner Visitenkarte) nennt zu seinem Auto und war absolut zufrieden mit dem Nachmittag, welcher auf jeden Fall zu einem der merkwürdigsten aber auch besten und wirklich genussvollsten Ereignisse, seit ich in Japan bin zählt.
Am nächsten Morgen wartete dann schon ein weiteres Highlight auf mich. Nach vielem Fragen und Bitten meiner Japanisch-Lehrerinn, welcher ich natürlich jedes Mal zusagte, die aber dennoch immer wieder fragte, macht ich mich gemeinsam mit Rangga-san (Indonesier), Sonja-san (Inderinn) und Mrs. Ryan (Amerikanerin) auf in die Shizuoka-University Hamamatsu Junior-Highschool um sozusagen das Anschauungsobjekt im Englischunterricht zu geben. 
Der Lehrer hatte die Klasse in vier Gruppen eingeteilt, welche sich auf die vier Themen der japanischen Küche, dem japanischen Schulalltag, Natur und Landschaft und dem täglichen Leben in Japan in Englischer Sprache und mit übergroßen Arbeitsblättern vorbereitet hatten und nun mit jeweils einem der Ausländer diskutieren sollten. Diskutieren ist dabei wohl etwas überzogen, da es sich mehr um ein -die Klasse fragt, der Ausländer antwortet Spiel- handelte. Es war dennoch äußerst interessant zu beobachten wie die einzelnen Klassenmitglieder untereinander agierten um, die japanische Etikette wahrend, möglichst würdevoll die Schüler zu umgehen die sichtbar Schwierigkeiten mit dem Sprachgebrauch hatten, ohne gleichzeitig ein Zwiegespräch oder eine kleinere Gruppe in der Gruppe zu Stande kommen zu lassen.


Außerdem ist zu bemerken dass die Japaner in den Europäern und vor allem in den Deutschen klare Vorbilder was Umweltschutz und Landschaftsgestaltung angeht und auch bezüglich der Ressourcenschonenden Energieerzeugung sehen. Das Kompliment konnte ich natürlich durch die deutlich energiesparenderen japanischen Fahrzeuge zurückgeben. Alles in allem: Eine tolle Sache sich so locker und ungezwungen mit den jungen Gymnasiasten unterhalten zu können und viel über die gegenseitigen Ansichten zu lernen.

Ein weiteres großes Ereigniss sollte an diesem Tag noch folgen. Obwohl mein Geburtstag schon zwei Wochen zurück lag war ich der Laborgruppe noch eine Feier schuldig, welche ich ebenfalls für den 25. Januar geplant hatte.  

Mein Vorgänger auf dieser Praktikantenstelle (Chris-san (beste Grüße)) hatte während seiner Zeit in Japan bereits mit einem "Deutschen Essen" hoch vorgelegt und den klassischen Weg für die Deutsche-Feier mit Kartoffelsalat und Würstchen damit verbaut.... Ich entschied mich daher Schichtsalate zu zubereiten, dazu Fleischspieße zu braten und deutsches Vollkornbrot anzubieten. Das große Problem was dabei entstand war zunächst die Beschaffung der entsprechenden Lebensmittel. Nachdem mir die Gewürze, wie gemahlener Koriander, Ceyenne-pfeffer und Kreuzkümmel schon recht schwer fielen schien die Beschaffung von Selleriesalat und Miracel-Whip ziemlich aussichtslos. 
Nach 2 Tagen der Suche in allen städtischen Märkten und Einkaufszentren hatte ich dann überraschender Weise doch noch die Möglichkeit Selleriesalat für astronomische Preise zu erstehen. Die Salatsauce musste ich dann jedoch kurzer Hand aus Joghurt, Majonäse, Gewürzen und Zucker improvisieren und sie gelang mir zu meiner Überraschung recht gut. 
Nach vielen Tagen der Vorbereitung und einem langen Nachmittag vor der einen Kochplatte die das Labor hatte konnte ich dann um 18:30 Uhr alle Kollegen/Freunde begrüßen und es wurde ein toller Abend. Besonders der Schichtsalat kam hervorragend an. Japaner mögen schließlich süße und salzige Dinge und waren absolut erstaunt darüber, dass es möglich ist einen Salat gleichzeitig aus Früchten und Gemüsen herzustellen.
Für Caro, die am folgenden Freitag nach Hamamatsu kommen wollte und welcher ich einen Anteil am Salat zugesichert hatte blieben daher von den drei Schüsseln, die meiner Meinung nach für 14 Leute, vor allem auch wegen der vielen anderen Speisen, völlig ausreichend sein sollten, nur ein paar spärliche Reste.
Natürlich wurde auch bei dieser Veranstaltung das obligatorische Gruppenfoto geschossen.
Als Geschenk hatten alle zusammengelegt und mir eine Torte gekauft (welche hier in Japan ein sehr üppiges Geschenk darstellt, da eine größere, mit Früchten (wie unten zu sehen) schon locker um die 40-50 Euro kosten kann.)
Ich habe mich umso mehr drüber gefreut und alle waren begierig mir beim Verzehr behilflich zu sein. 
Als freundlicher Gastgeber war mir das Aufteilen natürlich ein Ehre, nicht zuletzt auch weil ich sehr erleichtert darüber war dass der Abend so freudig zu Ende ging. Ich hatte mit meiner Speisen und Getränkeauswahl offensichtlich den richtigen Nerv getroffen.
Geburtstagstorte mit Widmung (oben mein Name in Katakana und darunter deutsche Glückwünsche)
Wie bereits erwähnt endete meine Woche mit einem Besuch von Caro. Mit ihr, Rodrigo und seiner Freundinn Angie (aus Peru) besuchte ich den Hamanako, den großen See von Hamamatsu und anschließend ein hübsches kleines Lokal mit dem Namen "Cats Dinner". Auch das Wochenende war sehr freudig und erholsam und ich habe nun sicher genug Kraft aufgetankt um mich in dieser Woche nocheinmal in die letzten Vorbereitungen für meine Japansich-Prüfung am nächsten Montag und in die nächsten Monate in Japan zu werfen.     Otsukaresamadesu.