Nachdem mein
letzter Blog so in die Länge gegangen war muss ich zu Anfang dieser Aufzeichnung
sofort vorrausschieben, dass sie nicht minder umfangreich ist, was aber auf die
vielen Ereignisse und Erlebnisse zurückzuführen ist, die ich nicht alle
aussparen oder nur anreißen möchte. Ich hoffe dennoch in einer
ansprechenden und kurzweiligen Weise die wichtigsten Begebenheiten
unterbringen zu können ohne die Fülle über zu strapazieren.
Nach einem
Besuch in Matsumoto, einer kleineren Stadt im Kernland der japanischen
Hauptinsel, welcher zu Beginn des Jahres stattgefunden hat und welcher sehr
ruhig und entspannen verlief, habe ich mich in der zweiten Woche des Jahres mit
dem Bummelzug nach Tokio aufgemacht.
Und mal wieder
war es möglich einen wunderschönen Blick auf den Fuji zu erhaschen, welchen ich
nicht vorenthalten will.
Obwohl wir
beide überaus zufrieden und gesättigt waren, vermochten wir es nicht an dieser
Möglichkeit völlig teilnahmslos vorüber zu schlendern, weshalb es mir einige
schnelle Entscheidungen später möglich war die Seltenheit im Bild festzuhalten.
| Blick aus dem Hotel (irgendwie sieht Tokio auch überall gleich aus.... das könnte sicher auch in Shinagawa, Ueno oder Roppongi sein) |
Am nächsten
Morgen standen wir früh auf um mein Geburtstagsgeschenk in Angriff zu nehmen.
Caro hatte mich, dem die Erfahrung einer solchen Attraktion bisher fehlte, in
ein Disneyland eingeladen. Genauer gesagt verbrachten wir unseren Tag im
DisneySea. Dieser Themenpark ist mit 4 Milliarden Euro Investitionssumme
der teuerste bisher überhaupt errichtete unter den Themenparks und heißt
jedes Jahr ungefähr 12 Millionen Besucher willkommen. Das sind übrigens mehr
Menschen als im Ruhrgebiet leben... Und es konnte teilweise der Eindruck
entstehen, dass all diese Besucher sich tatsächlich denselben Tag ausgesucht
hatten wie wir. Kurz: Wir waren nicht allein, wie das folgende Bild zeigt.
Ebenso
erschrocken, wie ich über die Menschenmassen war, verblüffte mich gleichzeitig
die routinierte und gutmütige Umgangsweise der Parkmitarbeiter und zeitweise
verliefen sich die Scharen tatsächlich so gut, dass man die hübsch gestaltete
und detailgetreue Motivwelt auch in relativer Privatsphäre erleben konnte. Fazit: Ein interessantes Erlebnis.
Gleichwohl gefiel
mir auch die ruhige und übersichtliche Ausssichtswanderung am nächsten Tag, an
welchem wir auf das kleine künstliche Eiland "Odaiba" fuhren, dass
sich in der Bucht von Tokio als Vergnügungs- und Erholungsstätte seit Ende des
20. Jahrhunderts befindet. Wir hatten die Möglichkeit einmal ohne große
Menschenmassen, sicher nicht allein, doch in keinen Vergleich zu setzen zur
sonstigen Gesellschaft in japanischen Städten, am frühen Abend die Kulisse der
Hochhäuser im Hafengebiet Tokios zu sehen. Die Insel wirbt mit einem
"guten Blick auf Tokio", doch bei der Größe dieser Stadt ist dieser
gute, oder wohl eher übersichtliche Blick, auf das Ballungsgebiet sogar aus
hochfliegenden Flugzeugen schwierig. Diese Stadt ist in der Tat einfach so
groß, dass man sie nicht sehen kann ohne einen hauptsächlichen Teil eben gerade
nicht zu sehen. Dennoch ein sehr schönes und entspannendes Erlebnis, diesen
pulsierenden Ballungsraum aus einer gewissen Distanz heraus beobachten zu
können.
Der
nächste Abschnitt meiner Schilderungen hätte wohl einen eigenen Blog-Eintrag
verdient, doch ich bitte mir nachzusehen, dass ich mich nicht so regelmäßig und
noch weniger in aller Ausführlichkeit dem Schreiben eben dieses verpflichte.
Geplant war
eine Rückreise mit dem kostengünstigen aber zeitaufwändigen Regionalzugsystem
der japanischen Staatsbahn. Dies ist übrigens ein Unternehmen welches ich sehr
hoch schätze! Im Normalfall ist die Pünktlichkeit nicht übertreffbar und ich
komme mir teilweise vor wie in dem Film "Die Olsen Bande stellt die
Weichen", wenn die ordnungsliebenden und pflichtbewussten
JRail-Mitarbeiter in ihren steifen Anzügen, die eher an Ausgangskleidung der
Armee erinnern als an die legere Kluft der deutschen Bahnangestellten, jede
einzelne ihrer Taten mit einer großen Handbewegung und einem deutlichen
Fingerzeig, welcher wohl der umliegenden Fahrgastschar sagen soll "Ja,
das habe ich gerade getan" jede ihrer Handlungen nicht nur absolut
Lehrbuchgerecht ausführen und protokollieren, sondern eben auch jedwede
Normabweichung als Weltuntergang ansehen.
Und just eben dieser Weltuntergang schien sich am Vormittag meiner Rückfahrt mit dem abrupten Schneefall ergeben zu haben. Kurz nachdem Caro mich (10 Minuten vor der planmäßigen Abfahrt meines Zuges) in Richtung ihrer Stadtbahnlinie verabschiedet hatte und nachdem ich mich auf dem auch schon mächtig eingeschneiten Bahnsteig eingefunden hatte dröhnte auch schon die Durchsage mit einer Flut japanischer Begrüßungen, Ansagen, Formalien Höflichkeitsfloskeln, Daten, Entschuldigungen, weiteren Floskeln und letztendlich auch eines schrillen Pfeiftons. Der Inhalt dieser mit großen Geschwindigkeit hin gewischten Durchsage war wohl, wie ich mir denken konnte und nun auch mit relativer Sicherheit weiß, die Verspätung eines Zuges, der kurz vor dem Meinigen von eben diesem Bahnsteig abfahren sollte. Ziemlich entscheidungslos aber zunehmen frierend wegen meiner undichten Schuhe und der langsam durchsickernden Nässe, die sich im Schnee unter meinem Sohlen bildete patschte ich langsam zurück in Richtung der Anzeigetafel in der Haupthalle, welche sich offenbar in den letzten 4 Minuten zum Publikumsmagnet entwickelt hatte. Diese spontane Sogwirkung mag wohl damit zusammenhängen, dass sich die große Tafel in eine Art Weihnachsbaumshow entwickelt hatte auf der es vor lauter grüner Anzeigen, gelber Hinweise, blauer Änderungen und roter Ausfälle nur so zuckte und blinkte.
Relativ schnell
war klar: Der Schneefall hat die JR härter getroffen als diese das erwartete
und innerhalb kurzer Zeit waren von den 38 Bahnlinien (natürlich nur die
Übertage fahrenden (private ausgenommen)) 27 gestoppt worden und weitere 7 mit
zum Teil deftigen Verspätungen unterwegs. Mir blieb daher nichts anderes übrig
als den Netzplan ausgiebig zu studieren (bzw. alle 3 Pläne: den von Zentraltokio, den der
Hauptstadtregion und den der zentralen Provinzen, zu denen Shizuoka und
Hamamatsu gehören) und mich sozusagen "auf Sicht" durchzuschlagen.
Ich wanderte also die verschiedenen Bahnsteige des größten Bahnhofs der Welt ab
und suchte nach Verbindungen die zurzeit noch bedient wurden oder auf denen
zumindest in ungeordneter Folge Züge verkehrten. Und tatsächlich: Mit deutlich
mehr umsteigen und viel Improvisation gelang es mir mich von Shinjuku über
Shinagawa nach Yokohama durchzuschlagen, wo der Schneefall zumindest schon
nicht mehr so stark war und mit einigem Stress und einer sehr eigenartigen
Situation, während ich im Zug meine nassen Socken wechselte (was die Japaner
wohl nicht so mochten), war ich dann 3 Stunden später als geplant, nach 8,5
Stunden im Zug in Hamamatsu angekommen, wo es im Übrigen nicht einmal geregnet
hatte.
| vor dem Haarschnitt |
Aber sicher ist
ja wohl auch, dass die merkwürdigsten und ungewöhnlichsten Begebenheiten die
besten Geschichten ergeben und daher sehe ich inzwischen mit guter Stimmung auf
dieses Abenteuer zurück. In den nächsten beiden Wochen passierte einiges,
welches ich hier nur in aller Kürze erwähnen will. Beispielweise
aß ich zum ersten Mal Peruanische Miesmuscheln und französische
Weinbergschnecken.
| Unterwasser Athmosphäre im Friseursalon |
Mir ist wohl bewusst dass diese Art von Speise hier nicht her gehört, der Genuss ergab sich
aber da Rodrigo die Muscheln persönlich zubereitete und die Schnecken im
spanischen Pub zum Bier gereicht wurden.
Das nächste große
Ereignis, welches sich mit den Bildern bereits ankündigt war mein erster Besuch
beim japanischen Friseur. Ich hatte einige Vorbereitungen betrieben und mich
über einen Lab-Kollegen (Fukuta-san) bei einem der beliebtesten Friseure
vorangemeldet. Sein "Stammfriseur" war einer der besten in ganz Japan
(laut Ranking die Nr.2 nach einem Laden in Tokio) und ich muss zugeben, dass
diese Begebenheit doch tatsächlich absolut ungewöhnlich war.
| im Wasch-/ Massageraum |
Nach einer kurzen Wartezeit wurde ich (mit Fukuta-san, der mich begleitete und auch die Fotos aufnahm) in den Waschraum geführt, welcher sich in Form einer großen verdunkelten Rundung in der Mitte des Salons befand und in welchem große Flachbildschirme mit Unterwasserfilmen und Meeresrauschen im Hintergrund, das Wasser in den Haaren nicht nur fühlbar sondern auch hör- und sichtbar machten. Nach einer kleinen Aufforderung nahm ich in einem der drei großen, ledernen Massagesessel Platz und wurde mit fachkundigen Händen für den Nassschnitt vorbereitet. Dieser erste der beiden Schnitte wurde dann außerhalb der Massagedunkelkammer vom Chef persönlich durchgeführt. Währenddessen wurden die üblichen stereotypen Gespräche abgehalten die Japaner immer dann bemühen sobald sie herausgefunden haben, dass die (männliche) Person mit der man sich befasst aus Deutschland kommt und dass noch viel Redezeit zur Verfügung steht die mit relativ belanglosen Themen überbrückt werden muss. Wir sprachen also über Autos, Fußball, das Oktoberfest und den üppigen Biergenuss in Deutschland...
Der Maestro an der Schere ließ sich auch nicht zweimal bitten mir mehrfach zu erklären das er einen Maserati fahre und dass ich ihn gern auch sehen könne...
Die Besichtigung folgte dann direkt auf das Haarschnittprozedere welches sich insgesamt über 2 Stunden ausnahm und weitere 4 Wäschen und auf besonderen Wunsch des Chefs, der mir sichtlich sehr wohlgesonnen war eine 30 Minütige Kopfmassage (von der Assistentin) auf Kosten des Hauses beinhaltete. Es war ein wahres Fest!
| ... und nach dem Haarschnitt |
Gut gelaunt und
mit absolut tiefenentspannter Kopfhaut begleitete ich "Creativo", wie
er sich selbst (auch auf seiner Visitenkarte) nennt zu seinem Auto und war
absolut zufrieden mit dem Nachmittag, welcher auf jeden Fall zu einem der
merkwürdigsten aber auch besten und wirklich genussvollsten Ereignisse, seit
ich in Japan bin zählt.
Am nächsten
Morgen wartete dann schon ein weiteres Highlight auf mich. Nach vielem Fragen
und Bitten meiner Japanisch-Lehrerinn, welcher ich natürlich jedes Mal zusagte,
die aber dennoch immer wieder fragte, macht ich mich gemeinsam mit Rangga-san
(Indonesier), Sonja-san (Inderinn) und Mrs. Ryan (Amerikanerin) auf in die
Shizuoka-University Hamamatsu Junior-Highschool um sozusagen das
Anschauungsobjekt im Englischunterricht zu geben.

Außerdem ist
zu bemerken dass die Japaner in den Europäern und vor allem in den
Deutschen klare Vorbilder was Umweltschutz und Landschaftsgestaltung angeht und
auch bezüglich der Ressourcenschonenden Energieerzeugung sehen. Das Kompliment
konnte ich natürlich durch die deutlich energiesparenderen japanischen
Fahrzeuge zurückgeben. Alles in allem: Eine tolle Sache sich so locker und
ungezwungen mit den jungen Gymnasiasten unterhalten zu können und viel über die
gegenseitigen Ansichten zu lernen.
Mein Vorgänger auf dieser Praktikantenstelle (Chris-san (beste Grüße)) hatte während seiner Zeit in Japan bereits mit einem "Deutschen Essen" hoch vorgelegt und den klassischen Weg für die Deutsche-Feier mit Kartoffelsalat und Würstchen damit verbaut.... Ich entschied mich daher Schichtsalate zu zubereiten, dazu Fleischspieße zu braten und deutsches Vollkornbrot anzubieten. Das große Problem was dabei entstand war zunächst die Beschaffung der entsprechenden Lebensmittel. Nachdem mir die Gewürze, wie gemahlener Koriander, Ceyenne-pfeffer und Kreuzkümmel schon recht schwer fielen schien die Beschaffung von Selleriesalat und Miracel-Whip ziemlich aussichtslos.
Als Geschenk hatten alle zusammengelegt und mir eine Torte gekauft (welche hier in Japan ein sehr üppiges Geschenk darstellt, da eine größere, mit Früchten (wie unten zu sehen) schon locker um die 40-50 Euro kosten kann.)
Als freundlicher Gastgeber war mir das Aufteilen natürlich ein Ehre, nicht zuletzt auch weil ich sehr erleichtert darüber war dass der Abend so freudig zu Ende ging. Ich hatte mit meiner Speisen und Getränkeauswahl offensichtlich den richtigen Nerv getroffen.
| Geburtstagstorte mit Widmung (oben mein Name in Katakana und darunter deutsche Glückwünsche) |

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