Donnerstag, 13. Dezember 2012

Jeden Tag = Alltag?

Das Stadtzentrum von Hamamatsu in morgendlichen Sonnenschein
In den letzten Wochen war unter anderem ein netter Besuch (Caro) hier in Hamamatsu und ich habe die Stadt ein wenig erkundet. In diesem Blog möchte ich jedoch nicht über die besonderen Aktivitäten wie Ausflüge oder Reisen berichten sondern über mein tägliches Leben welches doch nicht so ganz der Definition von Alltag entspricht.
Mein Tag beginnt wahlweise zwischen 8 und 9 Uhr, neuerdings auch manchmal später. Die Begründung reiche ich nach. Nach einer kurzen Vorbereitung auf das während des Tages Anstehende schwinge ich mich auf meinen Drahtesel und fahre die 10-15 Minuten durch das morgendliche Hamamatsu zur Universität. Dort angekommen führte mich mein erster Weg zunächst immer zum Verwaltungsgebäude um nachzusehen ob die Einschreibung für den Ski-Kurs im Februar schon begonnen hat. 
Fakultät für Mechanik
An dem möchte ich gern teilnehmen, da er komplett von der Uni organisiert wird und für "Internationale Studenten" sehr kostengünstig gehalten ist. Leider weiß dass nicht nur ich sondern auch die 200 anderen Ausländischen Studierenden hier, was bedeutete, dass man jeden Tag um 9:00 Uhr, wenn die Verwaltung öffnet, vorbei schauen sollte und nachsehen sollte ob die Einschreibeliste aushängt, um einen Platz zu bekommen. Die ersten beiden Monate tat sich jedoch nichts, weshalb ich 5 Minuten nach neun über den Campus zur Fakultät für Mechanik schlenderte, in der sich das Labor befindet.
Wenn ich dann also um ca. 9:10 Uhr reinschneie bin ich mit mehr oder weniger großem Abstand der erste im Büro. Der Großteil der Mitarbeiter erscheint zwischen 10 und 11 Uhr und Einige erst viel später. Dies gibt mir die Möglichkeit vor dem Beginn des Japanisch Unterrichts evtl. notwendige Hausaufgaben und die Morgenlektüre zu erledigen, was bedeutet dass ich mir entweder das Nachtmagazin oder die Frühausgaben einiger Tageszeitungen anschaue. Meist läufts dann doch auf Tagesschau.de, TLZ.de und andere Informationsquellen und einige Mintuten facebook hinaus. Der Vorteil daran ist, dass ich die Informationen stets in sehr gebündelter Form bekomme, da die Nachrichten in ihren letzten Tagesausgaben meist noch einmal alles wichtige vom Tag zusammenfassen. 
Der Campus (ohne Festbuden)
Im Fall der US-Wahl konnte ich sogar sehr entspannt live beobachten, wie zwischen 9 und 11 Uhr Ortszeit die Entscheidungen fielen, während Interessierte in Deutschland schon locker bis 1 oder 2 Uhr Nachts aufbleiben mussten. 
Das warten auf die Ski-Ausschreibung hat sich seit gestern erübrigt. Ich habe einen Platz bekommen... Mein morgendliches Zeitungsritual ist aber geblieben.
Wenn ich nach eineinhalb Stunden Japanisch  um ca. 12:00 Uhr mit vollem Kopf ins Labor zurückkehre ist dann meist auch der Rest der Arbeitsgruppe eingetroffen, was Absprachen für den Tag und einige kurze Unterhaltungen ermöglicht bevor zur um 12:30 Uhr zusammen zum Mittagessen aufbrechen. 
Blick nach Süden
Der Aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass ich bisher noch nichts von der eigentlichen Arbeit geschrieben habe. Und außer montags und dienstags, wenn wir um 9:00 Uhr Gruppenbesprechung bzw. Englische Vorträge haben tut sich auch was das Forschen an geht in der ersten Tageshälfte nicht viel. Dies bedeutet nun jedoch nicht, dass die Japaner weniger Arbeiten als die Deutschen (mal ehrlich, dass würde wohl auch zu keinem bisherigen Bild von Japanern passen). Nein, tatsächlich werden die Arbeitsstunden erst ab ca. Mittag gerechnet (so scheint es zumindest), weshalb ich meist bis 21 oder 21:30 Uhr im Labor bin (Und viele der Japaner noch weitaus länger, was ihre später Aufstehzeiten begründet). Der Sonnenuntergang um 17:30 Uhr stellt also eher die Mitte der Arbeitszeit als eine Ankündigung des Abends dar.
Bilck nach Nord-Osten (in der Mitte ganz klein der Fuji)
Zu meinen täglichen Ritualen gehört es seit ca. 5 Wochen auch mich die 10 Stockwerke des Gebäudes nach oben zu quälen (tatsächlich zu Fuß, ansonsten wärs ja langweilig) um die Aussicht zu genießen, die wirklich sagenhaft ist. Zur Rechten erstreckt sich der weite pazifische Ozean und zur linken schaut man über die Ebene von Hamamatsu zu den japanischen Alpen hin. Diese Gebirgskette, die sich in einem nach Osten geschwungenen Bogen von Tokio aus über ca. 300 km in Richtung Nagoya zieht, bricht aus dem Landesinneren kommend mit der Küstenlinie jäh ab und gibt nur einen sehr schmalen bebaubaren Landstreifen vor dem Pazifik frei. Östlich vom weit in den Pazifik vorstechenden Kap von Omaezaki drängt die Ebene von Hamamatsu weit in die Bergkette hinein und gibt daher in einer Art Kessellage das Land für den Fluss Tenryu und die Stadt frei. Wörtlich übersetzt bedeutet Hama-matsu übrigens "Strand mit Palmen", wobei ich zweiteres hier bisher nur am Haupttor der Universität gesehen habe. 
Blick nach Norden
 Nach Norden hin steigt das Küstengebirge hinter dem Staudamm von Hamamatsu rasch an. In  mitten des Zentralmassivs befindet sich dann die bekannte Wintersportstadt Nagano, mit ihren beiden hohen Bergketten, welche auch im Sommer Schnee tragen und in welche ich im Februar zum Ski-Urlaub fahren werde. Diesen Blick genieße ich jeden Tag sehr und er ist jeden Tag neu und überraschend, da es so viele Kleinigkeiten zu sehen gibt. 
Das gilt in dieser Form auch für meinen Tagesrhythmus, der mit der Ankunft im Wohnheim um ca 22:00 Uhr langsam abschließt. In den letzten Wochen ist eine Art Gewohnheit eingekehrt, die aber auf jeden Fall nichts mit Alltäglichkeit zu tun hat was zum einen sehr interessant ist und zum Andern doch auch ein bisschen reumütig stimmt obgleich umso mehr bewusst wird wie viele alltägliche Dinge aus Jena es hier nicht gibt. 
Morgen gehts für mich zum ersten mal in ein japanisches Kino, zunächst jedoch mit einem englischen Film, der nur japanische Untertitel hat. Am Samstag habe ich dann eine Karte für das "Jazz-Christmas" auf dem Campus gekauft. Ich in gespannt... Nächste Woche findet die Mittsemester-Präsentation aller Studenten aus dem Labor und anschließend die obligatorische Feier statt, und am nächsten Samstag fahre ich dann mit Caro über Weihnachten und Silvester nach Osaka, Nara und Kyoto... es scheinen also aufregende Wochen zu werden. Und schon stellt sich die Gewohnheit wieder ein. Aber das ist ja auch so gewollt und ich bin schließlich nicht hier um im Zimmer zu bleiben und auf April zu warten. Die wichtigsten Punkte der Ereignisse und Abenteuer gibts dann bald wieder hier zu lesen. Und: Achja... ein Friseurbesuch steht auch an... na mal schaun, was das wird...
Bis bald, frohe Weihnachten und guten Rutsch. Heiko

2 Kommentare:

  1. Huhu Heiko,

    die Arbeitsgewohnheiten sind hier in Hongkong ziemlich ähnlich und ich (ohnehin nachtaktiv) habe mich recht schnell daran angepasst. So leb ich fast sogar mehr in deutscher Zeit.
    Ist es bei dir auch so, dass die lokalen Studenten / PHDs mehr oder weniger ihr ganzes Leben in der Uni verbringen, auch die Wochenenden?

    Friseur besuch war bei mir auch schon fällig. Handzeichen haben völlig gerreicht. Ich war sehr überrascht ;)

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  2. Hallo Heiko,

    sehr schöner Bericht :) ! Freut mich zu hören, dass es dir scheinbar (und hoffentlich auch anscheinend) sehr gut geht und du dir einen Alltag aufbauen konntest. Ich fand das damals ungemein hilfreich weil es mir geholfen hat mich nicht mehr wie ein Tourist zu fühlen.

    Dass du am Strand bisher so wenig Palmen gesehen hast liegt daran, dass dort größtenteils Kiefern stehen. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb die Stadt übersetzt auch etwa "Strand mit Kiefern" heißt ;p – die Japaner sind ja doch nicht ganz verrückt ^^.

    Und wenn du bald eh in Osaka bist, mach nen Tagesausflug nach Kobe – dort gibt´s ein durchaus leckeres Steak, das du dir nicht entgehen lassen solltest :). Wenn du nichts besseres findest (vielleicht kann dir ja einer der Leute aus dem Büro einen guten Tipp geben), dann kann ich dir ein Restaurant direkt am Shin-Kobe Bahnhof empfehlen: http://goo.gl/kcwjY . Mittags gibt´s da sogar günstige Menüs – itadakimasu!


    Wünsch dir noch viel Spaß,
    viele Grüße aus Jena,

    Christian

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